Technikpolitischer Review zur Bundestagswahl 2021

Digitalisierung in der Bildung:
Zwischen technischer Machbarkeit und gesellschaftlicher Sinnhaftigkeit


Bild: Annie Spratt / Unsplash

Wie positionieren sich die demokratischen Parteien in Deutschland zum Thema Technologie? Zur Bundestagswahl 2021 hat das ZET eine Analyse der parteipolitischen Positionen in einem technikpolitischen Review zusammengestellt. Der Teilbereich „Bildung“ wird hier im Folgenden vorgestellt.

[PDF-Version der Analyse]

Der Bezug von Bildung und Digitalisierung ist in den analysierten Wahlprogrammen augenfällig. Abgesehen von der Notwendigkeit eines Infrastrukturausbaus und der Vermittlung von Digitalkompetenz für Jung und Alt divergieren sowohl Umfang als auch inhaltliche Ausrichtung der Vorschläge jedoch stark. Auch wenn die Unterfinanzierung des Bildungsbereichs seit Langem bekannt ist, bleibt zu hoffen, dass die neue Aufmerksamkeit aufgrund von Corona zumindest in hier besonders mangelhaften Bereichen substanzielle Verbesserungen zeitigen wird.

Positiv zu vermerken ist die generelle Aufgeschlossenheit gegenüber Technik in allen Programmen. Jedoch nicht immer scheinen die Forderungen mit einem technischen Wissen zu dem jeweiligen Bereich zu korrespondieren. Doch selbst wenn dem nicht der Fall ist, bleibt es realistisch, dass sich bisherige bildungspolitische Irrwege (Ökonomisierung/Bildung als Ausbildung, exzessive Standardisierung/Quantifizierung) unter dem Vorzeichen der Digitalisierungsförderung verstetigen und gesamtgesellschaftlich relevante Probleme (Plattformabhängigkeit, Privatisierung) sich auch im Bildungssystem auswirken. Besondere Schwerpunkte der Parteien werden im Folgenden dargestellt.

SPD

Nach Auffassung der SPD sind die Ermöglichung des Zugangs zum Netz und die Befähigung zu „digitaler Selbstbestimmung“ aller erforderlich, um die Desintegration der Gesellschaft durch Digitalisierung zu verhindern. Hierfür müsse zudem ein Recht auf digitale Bildung und Weiterbildung etabliert werden – die Volkshochschulen seien der ideale Ort, um dieses für alle „kostengünstig, barrierefrei, inklusiv“ zu ermöglichen. Jedoch nur an wenigen Stellen wird das Programm bezüglich der Umsetzung dieser Ziele konkret.

Ein wiederkehrender Aspekt im Wahlprogramm der SPD bezieht sich auf die digitale Infrastruktur der Schulen. Das ist in der Regel sehr pragmatisch gedacht. Es geht in erster Linie darum, den Zugang zum Internet und zu Geräten sicher zu stellen. Konkreter wird es bei dem Vorsatz, die bereits im Digitalpakt beauftragte und finanzierte „Plattform zur Koordination des Lehr- und Lernmaterials“ zu etablieren. Diese solle länderübergreifend für alle Bürger*innen zugänglich sein. Zudem wolle man die Entwicklung „datenschutzkonformer intelligenter Lehr- und Lernsoftware“ unterstützen. Dies alles diene sowohl der individualisierten Förderung der Schüler*innen als auch der Entlastung und Fortbildung der Lehrkräfte. Welche Aufgabe intelligenter Software zukomme und warum sie besonders geeignet sei, Schüler*innen individuell zu fördern, bleibt vollkommen offen. Die Fortbildung der Lehrenden wird als „Schlüssel zur digitalen Schule“ verstanden, weshalb bundesweit vernetzte Kompetenzzentren für digitales Lehren und Lernen aufgebaut und unterstützt werden sollen.

Ein zentrales Ziel sei die Förderung der Medienkompetenz der Schüler*innen. Diese wird von der SPD als eine Form von Demokratiekompetenz verstanden, welche ob der zunehmenden Präsenz sozialer Medien unabdingbar sei. Ohne einen konkreten Zusammenhang herzustellen, versteht die SPD eine ihrer Aufgaben weiter darin, die „kreative Energie der Netzcommunity mit der Qualität und Erfahrung der klassischen Medien zusammenbringen“. Man wolle Entwicklungsräume schaffen, in denen die digitale Transformation der Medienwelt gelinge, und diese mit Bildungsangeboten verknüpfen – was dies konkret bedeuten soll, bleibt unklar, könnte aber mit der Diagnose der SPD in Verbindung stehen, Corona habe den Bedarf an digitalen Bildungsinhalten offengelegt.

Alleinstellungsmerkmal des bildungsrelevanten Technologiekonzepts der SPD ist die Bezugnahme auf „Games“. Ihr Einsatz in der digitalen Bildung sowie die Förderung von eSports in Schulen findet sich sonst nirgendwo und bleibt ohne (bildungswissenschaftlich begründete) Erläuterung in Bezug auf die Nützlichkeit.

CDU / CSU

Die CDU lässt sich in ihrem Wahlprogramm zu der Aussage hinreißen, die Corona-Pandemie hätte Schwächen im Bereich Schule erst offengelegt. Vielleicht auch deswegen bleiben die Reformideen oft oberflächlich („anpacken und unsere Schulen modernisieren“) oder betonen individuelle Verantwortung. So wolle man das auch in den anderen Programmen als notwendig erachtete lebensbegleitende Lernen als „eigenverantwortlich wahrzunehmende Aufgabe“ in den Köpfen der Schüler*innen verankern.

Es wird festgehalten, dass Schüler*innen zudem digitale Kompetenzen benötigen, die „technisches und informatisches Grundverständnis ebenso wie Medienkompetenz“ umfassten. Inhalte sowie die Funktionsweise von digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz sollen bewertet werden können. Soziale Netzwerke werden für Schüler*innen dahingehend als Gefahr thematisiert, dass sie die Hemmschwelle für „Cybermobbing und Cyberbullying“ herabsetzten. Dieses sei in Schule, Elternhaus und Gesellschaft zu bekämpfen. Nur CDU, FDP und Grüne widmen sich diesem Thema. Strategien und wissenschaftlich informierte Ansätze, dieses Ziel umzusetzen, finden sich jedoch nicht.

Konkreter wird die Umsetzung des Vorschlags thematisiert, digitale Kompetenzen zu fördern. Jedoch geschieht dies lediglich in Bezug auf die Rolle der Lehrenden. Wie auch die SPD wolle man die Ausbildung der Lehrenden verbessern, um erwähnte digitale Kompetenzen umfassend in den Unterricht zu integrieren. Auch gemäß dem Wahlprogramm der CDU soll es wie von der SPD gefordert bundesweit vernetzte Kompetenzzentren für digitales Lehren und Lernen geben.

Zudem wolle man eine nationale Bildungsplattform mit Schwerpunkt auf Weiterbildung und lebensbegleitendem Lernen aufbauen, die das „Kernstück eines neuen digitalen Bildungsraums für Deutschland und einer Modernisierung der Bildung insgesamt“ darstelle. Auch hier bleiben Ideen und deren Umsetzungen vage. Das sogenannte Kernstück wolle man anfänglich mit nur 150 Millionen Euro fördern – diese Förderung beinhaltet sowohl die Entwicklung von Prototypen und Curricula als auch von didaktischen Konzepten. Der in allen anderen Programmen diskutierte notwendige Zugang zu Hardware wird nicht nur für Schulen, sondern auch in anderen Zusammenhängen komplett außen vorgelassen.

FDP

Bildung nimmt im Wahlprogramm der FDP einen verhältnismäßig großen Raum ein und die Partei wird mit ihren Vorschlägen – so fragwürdig sie mitunter sind – oftmals wesentlich konkreter als SPD und CDU. Wie auch bei den anderen Parteien spielt der Ausbau digitaler Infrastruktur und der Aufbau von Digitalkompetenzen bei Schüler*innen und Lehrenden eine wichtige Rolle. Die FDP verknüpft die Forderung nach einer besseren Ausstattung der Schulen mit der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit und bezieht sich dabei auf das Konzept der sogenannten Talentschulen, führt jedoch den Zusammenhang nicht näher aus. Darüber hinaus scheint gerade im Kontext von Bildungsgerechtigkeit die Verwendung des Ungleichheiten naturalisierenden Talentbegriffs problematisch.

Um den Digitalkompetenzaufbau bei Schüler*innen zu gewährleisten, fokussiert die FDP, wie auch SPD und CDU, die Aus- und Fortbildung von Lehrenden. Des Weiteren fordert sie die bundesweite Einführung der Fächer Wirtschaft und Informatik. Dies solle nicht nur die „Innovationsfreude fördern“, sondern auch den Umgang mit „Desinformation, Hatespeech, Cyber Mobbing, Datenschutz und Online-Sucht“ umfassen. Spezielle Förderung im MINT-Bereich soll bereits Eingang in die frühkindliche Bildung haben. Zudem fordert man „ein gezieltes Maßnahmenpaket für die Förderung von Mädchen und Frauen im MINT-Bereich“. MakerSpaces sollen (auch in Schulen für die berufliche Weiterbildung) etabliert werden, um „die Kreativität und das Interesse an unternehmerischen und selbstständigen Lebenswegen“ zu fördern.

Wie auch bei SPD und CDU findet sich im Wahlprogramm der FDP die Notwendigkeit lebenslanger Weiterbildung, jedoch wesentlich umfangreicher. Man wolle ein „zweites Bildungssystem“ schaffen, dass sowohl ein „Midlife-BaföG“ biete als auch eine digitale Plattform für Bildungsangebote. Darüber hinaus brauche die berufliche Bildung ein Update, um den Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt gerecht zu werden – in welche Richtung dies gehen soll, solle ein Exzellenzwettbewerb ergeben. Ein Zentrum für digitale Berufsbildung solle außerdem „berufsbildende Schulen und ausbildende Betriebe in der Konzeption und Umsetzung digitaler Ausbildungsangebote unterstützen“.

Weitereichende Änderungen strebt die FDP im Bereich universitärer Bildung an. Zum einen die Gründung einer European Digital University, um die Grenzen der Bildungsmobilität zu überwinden. Zum anderen wolle man eine Änderung der Regelung der Studienplatzanzahl (Kapazitätsrechtsreform) „auf Basis qualitätsorientierter Kriterien“, um „mehr Investitionen in digitale Lehrangebote, bessere Betreuungsquoten sowie berufs- und lebensbegleitende Studienmodule zu ermöglichen“ – implizit könnten hier aber statt Investitionen Umverteilungsmaßnahmen nach nicht näher offengelegten ,Qualitätskriterien‘ drohen. Hier scheint sich ein weiterer Schritt in Richtung Unternehmerische Hochschule und Elitenförderung anzudeuten.

Bei aller Vorschlagsvielfalt und suggerierter Aufbruchsstimmung muten die technologischen Hoffnung bezüglich Bildung bisweilen wenig reflektiert an: Besonders deutlich wird das am Wunsch der FDP, künstliche Intelligenz in Form von „Learning Analytics“ in der Schule zu forcieren, welche ein mehr an Daten über Lernende bedeuteten und deren Auswertung das Lernen und die Lernumgebung verbessere. Dabei tun sich mehrere Fragen auf: Was für Daten werden erzeugt? Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei deren Erzeugung? Welche Daten fehlen denn bisher, um zu Verbesserungen zu kommen? Und am bedeutsamsten: Woraufhin soll verbessert werden? Die FDP gibt darauf keine Antwort.

DIE LINKE

Zentral im Entwurf für das Wahlprogramm der LINKEN ist ein großes Investitionsprogramm, das mit der Schaffung vieler neuer, „guter“ Arbeitsplätze – auch im Bereich Bildung und Erziehung – einhergehen soll. Ein weiteres großes Thema ist, wie auch für die anderen Parteien zutreffend, das Thema der beruflichen Weiterbildung. Die LINKE wolle ein Recht auf Weiterbildung etablieren, um den technologischen Wandel mit sozialen Garantien abzusichern. Digitalisierung von Bildung wird im universitären Bereich auch als Herausforderung an Fort- und Weiterbildung gerahmt. Zu solchen Angeboten müsse man Lehrenden entsprechenden Zugang ermöglichen sowie die digitale Infrastruktur bereitstellen.

Für den schulischen Bereich stellt auch die LINKE den Zusammenhang zwischen dem Zugang zu digitalen Lehrmitteln und Bildungschancen her, fordert die Lehr- und Lernmittelfreiheit aber am umfassendsten. Auch die von allen anderen Parteien betonte Notwendigkeit, Medienkompetenz zu stärken, findet sich hier und wird bereits ab dem Vorschulalter gefordert. Ebenso solle die Datenschutzkompetenz von Kindern und Jugendlichen gefördert werden.

Für den Bereich Hochschule fordert sie Open Access als Standard für die Wissenschaft, da öffentlich Gefördertes auch frei zugänglich sein solle. Fokussiert werden dabei freie Bildungsmaterialien, die gemeinsam weiterentwickelt, geteilt und weiterverwendet werden können. Im Kontext von Bildungspolitik thematisiert außerdem nur die LINKE die berechtigte Befürchtung, dass gesellschaftliche Interessenskonflikte in der Bildung verschärft werden können, wenn digitale Medien „zum Einfallstor für Privatisierung“ werden und statt auf freie Software zu setzen die Abhängigkeit von Digitalkonzernen zementiert wird.

Besonders hervorzuheben ist die Bezugnahme der Partei auf die Frage, wie der soziale Nutzen technologischer Transformation wissenschaftsgeleitet eruiert werden könne: Sie wolle Technikfolgenabschätzung auch in der Bildungsforschung fördern, „um Erfahrungen, Chancen und Risiken beim Lernen mit digitalen Technologien offenzulegen“.

Bündnis ’90/Die Grünen

Auch wenn man mit vielen Einschätzungen der Grünen bezüglich Bildung übereinstimmen mag, so bleiben auch hier die Vorschläge oft vage. In ihrem Programm wird Wandel, sofern er mit Bildung in Beziehung gesetzt wird, vorrangig durch die Stichwörter ökologische Transformation, digitale Transformation oder Fachkräftemangel charakterisiert. Wie auch in den anderen Wahlprogrammen, ist eine zentrale Antwort auf die mit diesen Herausforderungen einhergehenden Veränderungen – Weiterbildung. Angestellte aus Autoindustrie, der öffentlichen Verwaltung und selbstverständlich auch hier das Lehrpersonal werden vorrangig als Adressat*innen dieser Maßnahmen angesprochen.

Ähnlich zu den Vorschlägen der FDP, sei ein weiteres Ziel die Herstellung von „Geschlechtervielfalt in der Digitalwirtschaft“. Hierfür müssten Mädchen „schon in der Grundschule für Digitalthemen begeistert werden und ohne Technikgenderstereotype aufwachsen“. Zudem bedürfe es geschlechtersensibler Lehre sowie der gezielten „Ansprache von Frauen für MINT-Studiengänge und Ausbildungsberufe“. Man wolle weiterhin über familiengerechte Ausbildungswege den Zugang für Frauen zur Digitalbranche fördern, die einen anderen beruflichen Hintergrund haben. Dies alles sei notwendig, um „unser volles Innovationspotenzial auszuschöpfen“.

Digitalisierung wird als treibende Kraft sozialen Wandels verstanden, dem mit Bildung als „Schlüssel für Zukunftskompetenzen“ zu begegnen sei. Neben Schulen seien auch Berufsschulen und -kollegs Orte der Vermittlung dieser Kompetenz. Man wolle MINT-Themen fördern und es müsse „sowohl das technische Grundverständnis als auch die soziale Dimension der digitalen Entwicklung Thema sein“.  Begrüßenswert ist, dass die Grünen andeuten Lehrmittel nach ihrer pädagogischen Eignung beurteilen zu wollen, ohne digitale Mittel pauschal zu fetischisieren. Konkret werden sie, wo es um die für Schüler*innen gefährliche Seite der Digitalisierung geht: „Suchtpotenzial, […] Hassrede, Cybergrooming oder sexualisierter Gewalt. Dem Mobbing im Netz wollen wir einen Riegel vorschieben. Dafür setzen wir auf eine Präventionsstrategie mit verpflichtenden sicheren Voreinstellungen für Plattformen und altersgerechten und leicht auffindbaren Informations- und Beschwerdemöglichkeiten.“ Die Thematisierung des Suchtpotenzials sowie die Umsetzung des Rechts auf Löschung personenbezogener Daten für Kinder finden sich nur bei den Grünen. Das formulierte Interesse der Grünen an einem Zuwachs von Bildungsgerechtigkeit steht in Kontrast dazu, wie unangemessen sparsam sowie unverständlich konditional sie sich bezüglich digitaler Lehrmittel äußern: „Kinder, die in Armut leben, erhalten für die Schule ein digitales Endgerät, wenn sie dieses benötigen.“ Dies zwingt benachteiligte Familien unter sozialen Kosten ihrer Bedürftigkeit zu beweisen und auch Lehrmittefreiheit für alle sieht anders aus.

Auf das bereits angedeutete Problem der Plattformabhängigkeit gehen die Grünen mit dem Vorschlag ein, eine gemeinsame europäische Cloud-Infrastruktur auf Basis von Open-Source-Technologien zu schaffen.

Bewertung und Zusammenschau

Bildungsfragen sind Gerechtigkeitsfragen – dies hat sich durch die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Lernmittel in Corona erneut eindrücklich gezeigt. Zugang wird auch auf anderen Ebenen gefordert, zum Beispiel durch die LINKE als Etablierung von Open Access als Standard für öffentlich geförderte Erzeugnisse sowie durch die FDP als Überwinden der räumlichen Grenzen der Bildungsmobilität in Europa. SPD und LINKE scheinen sich bewusst, dass Weiterbildung und Bildung allgemein auch einen Zugang zu Hardware bedeuten muss. Grüne und FDP wollen dies zumindest für die Schule. Alle Parteien identifizieren die Notwendigkeit, den technologischen Wandel mit sozialen Garantien abzusichern – Weiterbildung ist in diesem Zusammenhang die Losung der Stunde. Digitalisierungskompetenz als Notwendigkeit demokratischer Teilhabe wird dankenswerterweise ebenfalls von allen Parteien beton.

Die LINKE scheint sich sowohl von der funktionalistischen Sicht von Bildung als Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt abzugrenzen als auch die Notwendigkeit von Technikfolgenabschätzung in der Bildungsforschung zu verstehen. Statt lediglich technische Machbarkeit zu thematisieren, wolle man durch letzteres die „Erfahrungen, Chancen und Risiken beim Lernen mit digitalen Technologien“ offenlegen. Eine ähnliche Stoßrichtung haben auch die Grünen, wenn sie die pädagogische Sinnhaftigkeit zum Maßstab der Entscheidung machen wollen, ob Kompetenzen digital oder analog gefördert werden sollen.

Im Kontrast hierzu steht die FDP mit ihrem Vorschlag einer KI-gestützten Analyse und ‚Verbesserung‘ von Unterricht durch mehr Daten, ohne jedoch zu sagen, woraufhin Unterricht verbessert werden solle. Die quantitative Bildungsforschung kennt keinen Mangel an Daten, ihr Problem ist ein anderes: Zwar wird davon gesprochen, dass Lernen verbessert werden solle, dabei fehlt jedoch meist eine Zielformulierung. Der hier verwendete Komparativ (‚verbessern‘) verweist auf die Vorstellung eines ‚guten Unterrichts‘, den man erreichen möchte. Auf eine solche Forderung nach besserem Unterricht können sich in der Regel noch alle beteiligten Akteure einigen, selbst wenn sie jeweils etwas anderes darunter verstehen mögen. Damit wohnt dieser inhaltlich zunächst unbestimmten und offenen Forderung ein enormes Potenzial der Vereinigung sogar ansonsten divergierender Positionen inne, was wiederum eine entsprechende Beforschung von Unterricht zum Zwecke seiner Verbesserung legitimiert. Das Problem der fehlenden inhaltlichen Festlegung bleibt jedoch bestehen, sodass eine entsprechende Forschung darauf verworfen bleibt, den Status quo zu beforschen und diesen hinsichtlich Effizienzsteigerung zu optimieren. Im Kontext einer auf Leistungssteigerung ausgerichteten Beforschung von Unterricht spricht Axel Honneth von der „Marginalisierung aller nicht statistisch überprüfbarer Fächer“. Dies sieht er als Folge davon, dass die Politik die Entscheidungen über die Ausgestaltung von Unterricht einer vermeintlich ‚objektiven‘ Wissenschaft übergeben habe. Das Ergebnis dieses Prozesses sei, dass demokratische sowie moralisch-ethische Bildung als Schwerpunkte der schulischen Bildung verloren gingen, was für die Demokratie selbst wiederum problematisch würde. Eine sinnvolle Alternative zum quantitativen Blick auf Bildung bietet zum Beispiel der resonanzpädagogische Ansatz von Hartmut Rosa, welcher den Diskurs um die Ziele von gutem Unterricht im Sinne der Ermöglichung einer glücklichen Lebensführung weiter öffnet.

Auf technischer Ebene ist ein Aspekt besonders auffällig: Nahezu alle Parteien thematisieren die Einführung von Bildungsplattformen, um Inhalte einfacher zugänglich zu machen, zu kuratieren und ihre Qualität zu sichern. Dies ist begrüßenswert. Die technische Infrastruktur zur Realisierung dieser Vorhaben bleibt jedoch – bis auf den Verweis der Grünen auf eine notwendige europäische Cloud-Infrastruktur und die indirekte Thematisierung von Privatisierungsgefahren durch die LINKE – offen. Besonders inwieweit man in diesem Zusammenhang auf Plattformanbieter wie Google angewiesen ist, wird ausgeblendet. Diese Anbieter haben aller Wahrscheinlichkeit nach zusätzliche und divergierende Wissens- oder Verwertungsinteresse an den in diesem Kontext generierten Daten; auch datenschutzrechtlich bleiben so viele Fragen.

[PDF-Version der Analyse]

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