Technik und Körper

Die Bedeutung und Bewertung des menschlichen Körpers ist von zahlreichen Verschiebungen geprägt, die sich in Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts vor allen Dingen entlang technologischer Artefakte und Neuerungen vollzogen haben: über die Betonung des defizitären Körpers im hochindustriellen Zeitalter, die Verteidigung der geistigen Überlegenheit des Menschen während der zeitweiligen Ausbreitung der Kybernetik als Universalwissenschaft bis hin zum – auch gegenwärtig anhaltenden – Rückzug auf den subjektiv wahrgenommenen Leib als unverfügbaren Rest des Humanen etwa in der Debatte um die (Sozial-)Robotik. In dieser begriffsgeschichtlichen Berg- und Talfahrt erscheint der Körper als eine Demarkationslinie gesellschaftlicher Auseinandersetzungen darum, was es heißt Mensch zu sein.

Die Tatsache, dass diese Diskussionen auch entlang von technologischen Innovationen sich vollziehen, begründet das Interesse an gegenwärtigen Körper-Technik-Verhältnissen. In den Fokus geraten dabei zum einen die zunehmende Verschränkung von Körpern mit technologischen Artefakten, wie in den Bereichen der Neurotechnologien und der Prothetik. Begleitet werden diese Phänomene von (popkulturellen) Narrativen einer posthumanen Körperlichkeit und deren Vernetztheit, wie sie etwa im Transhumanismus zum Ausdruck kommen. Im Ressort Körper und Technik werden Fragen formuliert, die u. a. darauf zielen, impliziten Annahmen dieser Narrative, etwa hinsichtlich eines zugrundeliegenden Menschenbildes, nachzugehen. Ebenso von Interesse sind die intendierten und nicht-intendierten gesellschaftlichen Folgen von Verschiebungen im Verhältnis von Körper und Technik.

Wir gehen davon aus, dass menschliche Körper und Technologien sich zunehmend näherkommen bzw. längst in soziotechnischen Konstellationen in einem reflexiven Verhältnis stehen. Unter diesem Aspekt interessieren uns a) das Ausmaß der Verschränkung, b) die normativen Erwartungen an die Bereitschaft zur Verschränkung c) die (normativen) Konsequenzen für körperbezogene Selbst- und Fremdwahrnehmung als auch -bestimmungsmöglichkeiten für Individuen und Kollektive.

Wir gehen davon aus, dass die Ausgestaltung der Körper-Technik-Verhältnisse abhängig ist von sozialen Statuskonfigurationen und in diesem Sinne auch eine Dynamik aufweist. Sich öffnende und schließende Handlungsspielräume für die Gestaltung der Körper-Technik-Verhältnisse sind sozial bedingt. Wir analysieren diese Verhältnisse aus einer intersektionalen Perspektive um darüber die Differenzen für soziale Akteure in den verschränkten Systemen von Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung erkennen und näher bestimmen zu können. Aufzuklären über jene, im Verhältnis von Körper und Technik durch Ein- und Fortschreibungen gesellschaftlicher Widersprüche sich ausdrückenden Machtverhältnisse, ist das Anliegen dieses Ressorts.

Siehe auch

News

Publikationen

ZET Redaktionskollektiv (2021): Technikpolitischer Review zur Bundestagswahl 2021. Eigene Veröffentlichung

Kubes, Tanja (2020): Lebensformen: Cyborg – Mensch wird Maschine? DOMAR Film. Regisseur: Martin Schwimmer.

Kubes, Tanja. 2020. Queere Sexroboter – Eine neue Form des Begehrens? In: Bendel, Oliver (Hrsg.). Maschinenliebe: Liebespuppen und Sexroboter aus technischer, psychologischer und philosophischer Sicht. Springer Gabler, Wiesbaden. S. 163-183.

Kubes, Tanja. 2020. Technik jenseits von Geschlecht? Eine kritische Reflexion der Verschränkung von Geschlecht und Technik. In: Bauer/Deinzer (Hrsg.): Bessere Menschen? Technische und ethische Fragen in der transhumanistischen Zukunft. Springer: Berlin. S. 61-75.

Kubes, Tanja. 2019. New Materialist Perspectives on Sex Robots. A Feminist Dystopia/Utopia? Social Sciences, 8. 224.

Kubes, Tanja. 2019. Bypassing the Uncanny Valley: Postgender Sex Robots and Robot Sex beyond Mimicry. In: Techno:Phil – Aktuelle Herausforderungen der Technikphilosophie. Loh, Janina; Coecklebergh, Marc (Hrsg.). J.B. Metzler Verlag. S.59-73.

Kubes, Tanja. 2019. Sexroboter – Queeres Potential oder materialisierte Objektifizierung? In: Cyborgs revisited: Zur Verbindung von Geschlecht, Mensch und Maschinen. Feministische Studien Heft 2/2019. S. 351-362.

Ruppert, L. (2018): Über die „Entkörperung des soldatischen Mannes“ im Gefüge von Diskurs und Materialität. In: Feminstische Georundmail 75, S. 13-16.

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