Informationelle Selbstbestimmung

Die Entwicklung und Anwendung von Technik durch staatliche Institutionen wie Polizei und Militär hat eine lange Geschichte. Das Internet hat beispielsweise seinen Ursprung im Projekt Arpanet des US-Militärs. Nun ermöglicht digitale Technik die Erhebung und rasche Verarbeitung großer Mengen quantitativer Daten. So sollen aktuell beim EU-Projekt Eurosur zur Echtzeit-Überwachung der Migration an europäischen Außengrenzen unter anderem Satelliten und mit hochauflösenden Kameras bestückte Drohnen eingesetzt werden.

Neben der staatlichen Überwachung ist die ökonomische von wachsender Bedeutung, was sich an kommerziellen Plattformen zeigt, die große Mengen personenbezogener Daten sammeln und versuchen zu verwerten.

Die beiden Formen der Top-Down-Überwachung verbinden sich schließlich in einem industriellen Überwachungskomplex, wenn Plattform-Unternehmen mit staatlichen Institutionen wie Geheimdiensten zusammenarbeiten. Konzepte und politische Programme, wie z.B. der Smart City bergen die Gefahr einer repressiven Kontrolle, wie nicht zuletzt am Beispiel des Sozialkredit-Systems der Republik China deutlich wird. Überwachung wirkt aber auch unbemerkt und ‚leise‘ durch Mechanismen der Selbstanpassung und -disziplinierung.

Für das Zentrum für emanzipatorische Technikforschung ist es deshalb wichtig, die Entwicklung und den Einsatz von Überwachungstechnik einer kritisch-sozialwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen, verschiedene Konzepte von Privatheit zu diskutieren und den Wert der informationellen Selbstbestimmung zu betonen. Jene Probleme, die heute technisch gelöst werden sollen, könnten eines sozialen und politischen Wandels bedürfen, um nachhaltig angegangen werden zu können.