Freeday For Future

Die Klimakrise ist eine der zentralen Herausforderungen der Menschheit. Der wissenschaftliche Konsens ist deutlich: Es wird nur durch rasche Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft möglich sein, die Erderwärmung auf höchstens 1,5 °C zu begrenzen – und damit einem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung durch noch mehr Erwärmung zu entgehen. Um die drohende Katastrophe abzuwenden und eine menschenwürdige Zukunft zu sichern, streiken Menschen auf der ganzen Welt. Dank ihnen beginnt die Suche nach den transformativen Ideen, die der Größe der Herausforderung angemessen sind.

Kürzer Arbeiten – und das Klima schützen

Die gegenwärtigen Klimastreiks betonen die Notwendigkeit einer weitreichenden sozialökologischen Transformation. Technologien alleine werden nicht ausreichen – wir benötigen auch soziale und wirtschaftliche Innovationen für Klimaschutz. Die Idee der Vier-Tage-Woche könnte eine solche soziale Innovation sein, denn: Die Forschung zum Zusammenhang von Arbeitszeit und ökologischer Nachhaltigkeit liefert wichtige Indizien, dass kürzere Arbeitszeiten zum Klimaschutz beitragen: So ergab eine Studie von Jonas Nässén und Jörgen Larsson (2015), dass eine 1-prozentige Verkürzung von Arbeitszeit eine 0,8-prozentige Reduzierung von Emissionen zur Folge haben könne.

Eine andere Studie kam zu einem ähnlichen Schluss. Die Forscher*innen schätzten, dass eine Reduktion der Arbeitszeit um 25 % zu einer Verkleinerung des CO2-Fußabdrucks um bis zu 36,6 % führen könne (Knight et al., 2013).

Klimaschützend Arbeiten – aber auch gesünder, ausgeglichener und gerechter

Arbeitszeitverkürzungen können also eine Schlüsselrolle beim Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise spielen. Sie wirken sich zudem positiv auf das individuelle Wohlbefinden, die Psyche und die Produktivität von Arbeitnehmer*innen aus. Schon eine Reduzierung der Arbeitszeit um nur einen Tag könnte massive Reduktionen von Treibhausgasemissionen, etwa des Pendelverkehrs, zur Folge haben und CO²-intensiven Konsum reduzieren. Arbeitszeitverkürzungen würden es den Menschen erlauben, sich mehr um sich und ihre Lieben zu kümmern. Ein kultureller Wandel könnte angestoßen werden – weg von einem überfordernden Arbeitsleben, das durch klimaschädlichen Konsum ausgeglichen wird. Gleichzeitig könnten Arbeitszeitverkürzungen auch einen Beitrag zur Verbesserung der mentalen und körperlichen Gesundheit von Arbeitnehmer*innen leisten und dabei sowohl Geschlechterungerechtigkeiten als auch die extrem ungleiche Verteilung von Arbeitszeit zwischen Unterbeschäftigten, Überbeschäftigten und Arbeitslosen abbauen helfen. Eine Ungleichverteilung, die durch die zunehmende Automatisierung vertieft werden könnte. Damit würden Arbeitszeitverkürzungen einen wichtigen Schritt in Richtung besserer Lebensqualität, niedrigerer Arbeitslosigkeit und einer nachhaltigeren Wirtschaft darstellen. Ganz im Sinne des Pariser Abkommens lässt sich so Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit verbinden.

Wege zu einem #FreeDayForFuture

  • Politisch: Wieviel Zeit wir mit Arbeit verbringen ist kulturell und politisch gestaltet. Wir können diese Zeit verändern: Nur deshalb gibt es zwei Tage Wochenende. Eine gesamtgesellschaftliche Vier-Tage-Woche wäre ein riesiger Fortschritt: für das Klima und die Menschen.
  • Gewerkschaftlich: Die Verkürzung der Arbeitszeit ist eines der klassischen Anliegen der Arbeiter*innen-Bewegung. Gewerkschaften könnten so ihre Vorstellungen von Guter Arbeit mit einer breiten, weltweiten Klimabewegung verbinden. Dabei ist es wichtig, dass die Arbeitszeitverkürzung nicht über Lohnsenkungen von den Arbeitnehmer*innen bezahlt werden.
  • Wirtschaftlich: Unternehmen, die innovativ und zukunftsfähig denken, erkennen, dass sie mit kürzerer Arbeitszeit das Klima schützen, produktiver arbeiten und ihre Mitarbeiter*innen glücklicher machen.
  • Persönlich: Viele Menschen, die in Vollzeit arbeiten, könnten es sich leisten, freiwillig in Teilzeit zu wechseln – und so unmittelbar das Klima schonen und Freiheit gewinnen. Dass es auch individuellen Spielraum gibt darf aber nicht von der Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Lösungsansätze ablenken.

Speziell für Gewerkschaften: gemeinsam streiken für eine lebenswerte Zukunft

Die weltweiten „Fridays For Future“ Streiks erhielten breite Zustimmung und Unterstützung von Initiativen wie den „Scientists for Future“, den „Parents For Future“, den „Entrepreneurs for Future“, oder den „Workers for Future“. Die Gewerkschaften, die klassischen Organisatorinnen von Streiks, haben sich dagegen bislang verhältnismäßig passiv verhalten. Das sollte sich ändern: Denn eine lebenswerte Zukunft ist die Verantwortung aller und Klimaschutz und bessere Arbeit können verbunden werden durch Arbeitszeitverkürzungen. Es braucht auch die „Unions for Future“.

Greta Thunberg, die Initiatorin der #FridaysForFuture, wurde jüngst für ihren Einsatz gegen die Klimakrise für den Friedensnobelpreis nominiert. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich die Gewerkschaften auf nationaler wie globaler Ebene darüber Gedanken machen, ob sie nicht ihrem Vorbild folgen und zu Streiks aufrufen sollten, um Druck für einen zügigen und gerechten Umbau der derzeitigen klimaschädlichen Wirtschaft zu machen.

Solange die Regierungen die von ihnen gesteckten und ohnehin viel zu niedrig angesetzten Reduktionsziele mal um mal verfehlen, mag es an der Zivilgesellschaft und den mächtigsten fortschrittlichen Akteuren in der Wirtschaft, den Gewerkschaft, liegen, sich der Herausforderung zu stellen, das Wohlergehen und die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen zu verteidigen.

Die #FridaysForFuture-Proteste könnten den Gewerkschaften die Gelegenheit bieten, ihre Vorstellungen von Guter Arbeit und einer gerechten sozialökologischen Transformation mit einer breiten, weltweiten Klimabewegung zu verbinden – und die weitere Verkürzung der Arbeitswoche könnte das Resultat eines übergreifenden Kampfes gegen eine veraltete, auf fossilen Energieträgern basierende Wirtschaftsweise sein. In diesem Sinne wäre ein Streik nicht nur eines der effektivsten Mittel, um öffentlichen Druck aufzubauen, sondern schon der Streik selbst würde einen spürbaren Beitrag zu einer unmittelbaren Reduktion von CO2-Emissionen leisten. Denn ein arbeitsfreier Freitag ist ein #FreeDayForFuture.

Kontakt

Philipp Frey und Christoph Schneider

freedayforfuture@mailbox.org

Quellen