Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen gründete am 7. und 8. September 2018 mit einer internationalen Konferenz in München einen Thinktank für Technikpolitik. Das Ziel des neuen „Zentrums emanzipatorische Technikforschung“ (ZET) besteht darin, Technikentwicklung als politisches Feld zu begreifen und damit für demokratische Aushandlungsprozesse zu öffnen. So erklärt der Vorsitzende des ZET, Philipp Frey, dass die gegenwärtige Welle der Digitalisierung zwar ein immenses mediales Echo finde, weitgehend jedoch als eine Art Naturgewalt dargestellt werde, die begrüßt oder verurteilt, nicht aber als politischer Aushandlungsprozess begriffen werde. „An sich notwendigen Debatten über Sinn und Unsinn von Innovationsprozessen wird so der Riegel vorgeschoben und an die Stelle technikpolitischer Auseinandersetzungen tritt einmal mehr die Verwaltung scheinbarer Sachzwänge, die höchstens noch gewisse palliative Maßnahmen anzuregen im Stande ist. In solche Debatten gilt es aus unserer Sicht zu intervenieren um deutlich zu machen: die Art und Weise des technologischen Wandels steht in einem intimen Zusammenhang zu seinen sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die politisch zu gestalten Aufgabe emanzipatorischer Praxis ist.“

Die Gründungskonferenz im DGB-Haus in München stellte wohl ein Beispiel für eine solche Politisierung der Diskussion über die Digitalisierung dar. In einem ersten Panel diskutierten Wissenschaftler und Aktivistinnen am Beispiel der Hacker- und Maker-Bewegung über die Möglichkeiten einer „Technikpolitik von unten“. In einem zweiten Panel referierten die Geschäftsführerin des Karlsruher Instituts für Technikzukünfte, Dr. Alexandra Hausstein, und Prof. Dr. Andreas Boes vom Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung über die Digitalisierung der Arbeitswelt. Dieses Themenfeld, erklärt Frey, werde auch in Zukunft für die Arbeit des ZET zentral bleiben: „Die Debatte über eine drohende technologische Arbeitslosigkeit wird in der Wissenschaft wie auch in der breiteren Öffentlichkeit mit einigem Elan geführt. Einmal einen Schritt zurück zu treten und grundsätzlich zu werden, würde hier – wie auch in vielen anderen Technikdebatten – sicherlich nicht schaden: Schließlich reduziert sich der materielle Reichtum einer Gesellschaft nicht, wenn beispielsweise Roboter Menschen im Arbeitsprozess ersetzen. Im Gegenteil: Da Automatisierungstechnologien zur Produktivitätssteigerung genutzt werden, scheint vielmehr der Schluss nahe zu liegen, dass der Reichtum rasant zunehmen müsse. Welcher Wahn muss also eine Gesellschaft ergriffen haben, wenn der Umstand, dass Bedürfnisbefriedigung potentiell mit weniger menschlicher Arbeit geleistet werden kann, zur Katastrophe wird? Und an welchen Stellschrauben wäre zu drehen, damit dem nicht mehr so ist?“

Über solche Stellschrauben wurde dann im letzten Panel diskutiert, in dem es um gewerkschaftliche Strategien im Umgang mit der Digitalisierung ging. In diesem Feld, so erklärt der Pressesprecher des ZET, Simon Schaupp, werde sich der Thinktank nicht nur aus wissenschaftlich-analytischer Perspektive einbringen, sondern auch Betriebsräten und gewerkschaftlichen Akteuren beratend zur Seite stellen.
Abgerundet wurde die Tagung von Will Stronge, dem Direktor des britischen „Autonomy Instutite“, das die dortige Labour Party in technik- und arbeitspolitischen Fragen berät. Leidenschaftlich warb Stronge in seinem Vortrag für die Notwendigkeit einer Arbeitszeitreduktion. Es sei vor allem diese Frage, anhand derer sich entscheiden werde, ob die Digitalisierung zur Katastrophe oder zu einem menschlichen Fortschritt werde.

Am Ende zeigten sich die Organisatoren der Tagung überaus zufrieden. So erklärte Luca Nitschke von der Technischen Universität München: „Die große Zahl der Anwesenden zeigt für uns, dass großes Interesse und eine große Notwendigkeit besteht Technikpolitik aus einer anderen Perspektive zu diskutieren.“ Diese Diskussion werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom ZET in Zukunft in ihrem neuen institutionellen Rahmen fortsetzen.